Die Zeit für die Ausbeutung fossiler Energie ist abgelaufen

Mai 22nd, 2010 | By | Category: Energie- und Umwelttechnik

fotolia_4498799_xs-bohrturm-300px-2Zwischen Endzeitstimmung und der Hoffnung auf Wiedergeburt

Peak Summit in Perugia

Michael Cerveny

Ende Juni 2009 fand in einem Seminarzentrum in den Bergen Umbriens nahe Perugia der „Peak Summit“ statt. Rund fünfzig Menschen aus 15 Ländern bzw. drei Kontinenten nahmen teil um sich zwei Tage lang über „Peak Everything“ zu informieren und auszutauschen. Viele der Anwesenden kannten sich seit Jahren, in erster Linie übers Internet, einige auch über die alle paar Jahre stattfindenden ASPO-Konferenzen.

Die Veranstaltung wurde organisiert von Mitgliedern der ASPO (Association for the Study of Peak Oil) und den Editors DER Website schlechthin: www.theoildrum.com.
Ich war aus verschiedenen Gründen gekommen. Um mehr über die Perspektiven auf den
fossilen Energiemärkten zu erfahren, um die Leute kennen und einschätzen zu lernen deren
Beiträge ich seit Jahren u. a. auf TheOilDrum lese und um ein paar Tage lang in einer
wunderschönen (Kultur-)Landschaft den eigenen Blickwinkel in Frage stellen zu können.
Selten zuvor hab ich an so etwas Verstörendem teilgenommen. Es wird noch länger dauern
all das Neue, Interessante, Abschreckende und Anziehende zu verarbeiten und wenigstens
für mich selbst verdaubar zu machen.
Erste Überraschung: Der Höhepunkt der Ölproduktion – „Peak Oil“ – wurde gar nicht mehr
diskutiert. Seit Jahren haben die Größen der internationalen Peak Oil Szene dieses Thema
bis ins letzte Detail analysiert. Für praktisch alle Anwesenden ist die Frage ob weiteres
Wachstum am Ölmarkt möglich ist bereits Schnee von gestern. Das Produktionsmaximum
wurde nach Meinung fast aller im Jahr 2008 überschritten! Übereinstimmung weiters, dass
auch Erdgas und Kohle alles andere als ewig sind: Bereits um 2025 bis 2030 droht nach
Meinung vieler „Peak Fossil Fuels“, also der Beginn des unaufhaltsamen Rückgangs der
einer wachsenden Menschheit und wachsen wollenden Wirtschaft zur Verfügung stehenden
Netto-Energiemenge. (Brutto könnte es noch ein bisschen länger bergauf gehen, aber der
Energieaufwand um Energie zu produzieren steigt überproportional.)
Das Thema Ernährung wurde durch ein eigenes (leider mich fachlich und aufgrund des
Walisischen ziemlich überforderndes) Referat beleuchtet. Man erfuhr, dass rund fünf Prozent
des globalen Erdgasverbrauchs für die Düngemittelproduktion aufgewendet wird. Um die
jährlich hinzukommenden 75 Millionen Münder zu ernähren, muss bis 2025 die
Düngemittelproduktion verdoppelt werden. Man hörte, dass global fast soviel Energie für die
Nahrungsmittelproduktion (vom Acker bis zum Teller) wie für Autos eingesetzt wird und
zumindest in den USA für jede gegessene Kalorie zuvor rund zehn fossile Kalorien
verbraucht werden.
Wirklich düster wurde es aber durch die Präsentation von Andre Diederen (TNO.NL),
übrigens ein seriöser Wissenschaftler und alles andere als ein offenkundiger „Doomer“ (ein
„Doomer“ oder „Doomsdayer“ ist ein Weltuntergangsfanatiker). Da kamen Metalle zur
Sprache, deren Existenz mir bisher verborgen blieb. Und doch stecken alleine in meinem
Handy oder meinem Notebook zig verschiedene dieser Elemente. Insbesondere die ITBranche
aber auch High-Tech-Produkte im Bereich Energieeffizienz (Elektroauto) und
Erneuerbarer Energie (Photovoltaik) sind auf exotische Metalle angewiesen, die zum Teil nur
in Spuren in der Natur vorkommen. Vielfach ist zu beobachten, wie die in neu entdeckten
Lagerstätten die Konzentrationen geringer sind als in den alten und es werden – ähnlich wie
beim Öl – viel zu wenig neue Vorkommen gefunden. Niedrigere Erzgehalte erfordern
exponentiell mehr Energie für die Ausbeutung: „Metallknappheit ist eine Funktion von
Energieknappheit! … Und teilweise auch umgekehrt“: Beispielsweise ist A. Diederen
aufgrund der zu geringen Mengen an förderbaren Metallvorkommen (nicht nur Lithium!) der
Meinung: „Forget large scale conversion towards renewable energies!“ und „Forget large
scale electrification of transport!“
Resumee: Setzt sich das rapide Verbrauchswachstum weiterhin fort, so droht bei mehreren
Metallen bereits in den nächsten zehn bis zwanzig Jahren der Peak, also der Moment in dem
die steigende Nachfrage auf einer sinkenden Produktion aufläuft. Die Konsequenz davon:
Die für die Energieeffizienzrevolution („Faktor 4“ oder „Faktor 10“) notwendigen
Technologien stoßen ihrerseits an Produktionsgrenzen: Peak Everything?
Nach dieser niederschmetternden Analyse war es nur verständlich, dass sich der
Optimismus der Teilnehmer in Grenzen hielt. Mit Hilfe der zehn-stufigen „Doomer-Skala“
wurde blitzlichtartig die Einschätzung der Anwesenden zum Ausmaß der kommenden Krise
ermittelt. Niemand glaubt, dass die Energie- und andere zum Teil daraus resultierenden
Versorgungskrisen leicht überwunden werden können (Stufen 1 bis 3). Die größten
Optimisten sehen die Wirtschaft und damit uns im Peak-Zeitalter durch weitere
Kontraktionen (4-5) stolpern, die zumindest mit der aktuellen Krise vergleichbar sind. Die
Mehrheit sieht allerdings wesentlich heftigere Folgen (6-7) und eine sehr kleine
Pessimistenfraktion sieht sogar fast das Ende der Menschheit (8-9) gekommen.
Also näherten sich die Diskussionen des Pudels Kern: Warum sieht das was wir sehen,
sonst niemand? Warum wird die Titanic nicht abgebremst? Warum ändern die Politiker und
die Wirtschaftskapitäne nicht den Kurs?
Die folgenden, teilweise schon bei hervorragendem Essen und Vino rosso geführten
Diskussionen pendelten zwischen Kapitalismuskritik (Zins- und Wachstumskritik) und
spannenden Menschenbildanalysen: Lässt uns unser evolutionär bedingter Hormonhaushalt
eigentlich eine Wahl? Ermöglicht er vor allem jenen „Dopamin“-Männern, die Wirtschaft,
Politik, Gesellschaft, Sport, Medien etc. dominieren, ein anderes Handeln als es in unserer
Konkurrenz- und Wachstumsgesellschaft notwendig ist? Ist ein ‚den-Anderen-nichtübertreffen-
wollen‘ eigentlich eine dem Menschen mögliche Grundlage für eine Gesellschaft?
Können wir Grenzen akzeptieren oder müssen wir sie sprengen, um daraus Bestätigung zu
gewinnen und uns einen kräftigen Dopamin-Glücksschub zu gönnen? Ist vor diesem
biologisch-sozialen Hintergrund ein freiwilliges und nicht durch äußere Umstände (Peaks!)
aufgezwungenes Nicht-Wachstum oder gar Minus-Wachstum möglich?
Resümee: Es scheint sehr wahrscheinlich, dass in den nächsten Jahren und Jahrzehnten
immer mehr physische Ressourcen – beginnend mit Öl – nicht mehr in dem von (fast) allen
erwarteten steigenden Maß aus unserer Erde herausgepresst werden können. Die „Limits to
Growth“ sind näher gerückt. Nichts bedroht unser Wirtschafts- und Gesellschaftsmodell
mehr! (Leider, denn die meisten von „uns“ haben davon profitiert und ich persönlich hab mich
mittlerweile daran gewöhnt.) Aber nun scheint es, als müssten wir uns bald an eine neue Ära
gewöhnen, so wie sich Perugia in seiner über 2.500-jährigen Geschichte nach jedem
politischen oder wirtschaftlichen Umbruch an eine neue Zeit anpassen musste. Perugia ist
der Beweis: Es gibt ein (tolles!) Leben, selbst nach dem x-ten Niedergang!
Links zu Vortragspräsentationen:
• Andre Diederen: Metals Mineral Scarcity and the Elements of Hope (Vortragsfolien):
http://www.theoildrum.com/node/5559
• Nate Hagens: Umbrella View on Ressource Depletion and Human Behaviour
(Vortragsfolien und Audiomitschnitt von Hagens Präsentation am Peak Summit):
http://www.theoildrum.com/node/5567#more

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